Über die Arbeit der Fotografin

Models aus dem Hühnerstall

Ein Huhn balanciert auf der Hasselblad. Es heißt Engelchen und ist sanft wie ein Osterlamm.

Der Gockel schreitet vor der Leinwand auf und ab, kräht so markerschütternd, wie sich das für einen strammen Hahn gehört, ein zweites Huhn pickt hektisch am Boden entlang.

"Warten Sie noch etwas", sagt Renate Spekowius," sie sind noch nicht konzentriert!" Alle Hände hat sie voll zu tun, sich selbst samt Federvieh zu einem hübschen Motiv zu arrangieren.

"Sch, Sch", macht sie, und ihre sanften Zischlaute wirken Wunder.

Die Tiere halten inne, lassen sich willig dirigieren, und unser Fotograf drückt auf den Auslöser. Das Bild zeigt eine Frau mit Hühnern, die sich darauf spezialisiert hat, Hühner zu fotografieren.

Ihr Arbeitsplatz ist ein winziger Kellerraum. Neben allerhand Gerümpel: Leinwand, Blitze, Spots und Kamera.

Für unsere Fotos im Garten zitiert Renate Spekowius ihre Models mit einem lockenden Tuck-tuck-tuck herbei. Im Nu sind sie da, kommen unter Busch und Baum hervorgehüpft, zehn Hennen und ein Hahn. Sie dekorieren sich um die junge Frau, als wüßten sie, daß sie uns ein idyllisches Bild schuldig sind. Welch schönes Hühnerleben muß das in diesem Garten sein!

Klar, hier haben alle Hühner Namen. Und sieht man genau hin, kann man Rehchen, Rackerchen, Gockel Rudi und Co. auch auf den Gag-Postkarten erkennen wo ihre kolorierten Konterfeis vor weißem Hintergrund für Heiterkeit sorgen sollen. Zum Beispiel mit Texten wie " Don`t worry, be happy!" "Gute Sprüche zu finden", sagt Renate Spekowius, "ist das Schwierigste".

Mag sein. Doch wie nur kam sie auf die Hühner? Sie sei mit welchen aufgewachsen, sagt sie, aber es gibt auch eine wahre Geschichte, die wie ein Märchen klingt. Morgen für Morgen, wenn sich die kleine Renate auf den Schulweg machte, wurde sie am Tor von einem großen, aggressiven Hahn abgefangen: "Vor lauter Angst bin ich gerannt, der Hahn hinter mir her, und so manches Mal mußte meine Mutter mich aus seinen Klauen retten".

Eines Tages kam Renate die Idee: Mit ausgestreckter Hand voller Brotkrumen näherte sie sich dem Tier, zitternd vor der eigenen Courage - und siehe da, der Gockel pickte die Krümel aus der Handfläche. Es war der Beginn einer wunderbare Freundschaft.

Seitdem hat Renate Stunden um Stunden im Hühnerstall verbracht und die Tiere beobachtet. Seitdem weiß sie, daß Hühner ganz unterschiedliche Temperamente haben, daß sie einander manchmal zärtlich mit dem Schnabel im Gesicht berühren, daß sie es mögen, wenn man sie unter den Flügeln krault.

"Schauen Sie" sagt sie, "wie vielfältig ihre Bewegungen sind. Ich weiß genau, ob ein Huhn gut drauf ist, ob es schlechte Laune hat oder bedrückt ist. Und das möchte ich auch mit meinen Fotos sagen: "Schaut her, auch Hühner haben eine Seele."

Bei der Arbeit hat sie erfahren, daß Hühner schnell lernen und sehr anpassungsfähig sind. Gerade diese Anpassungsfähigkeit aber mache sie so ausbeutbar in den Legebatterien. Aus einem solchen Käfig hat sie ihre ersten drei Tiere geholt, doch davor lagen viele hühnerlose Jahre.

Renate Spekowius wird Schaufenstergestalterin und merkt, daß es nicht das Richtige für sie ist. Also Fachabitur, Grafik- und Designstudium an der Fachhochschule Niederrhein.

Durch einen Fotokurs wird ihr klar , daß hier ihre Berufung liegt, nächste Station: die Kölner Kunstschule für Fotografie. Schon während des Studiums arbeitet sie als freie Fotografin für Werbeagenturen.

Später macht sie die PR für die Mission der Deutsche Astronauten D1 und D2. Und als es mal wieder Weihnachten ist, schickt sie ihren Kunden eine Karte auf der zwei Hühner neben einen Christbaum und einem Nest mit Weihnachtskugeln stehen.

Dazu der Wunsch: "Viel Spaß".

Begeistertes Echo auf diese Karte. Anfragen, ob sie nicht eine ganze Serie davon machen wolle. Renate Spekowius leiht sich Hühner bei der Nachbarin aus, ehe sie sich "ein Hühnerhaus mit Insassen" in den elterlichen Garten stellt und der anfängliche Gag zu einem professionellen Produkt herausgearbeitet wird.

Siebzig Postkarten sind inzwischen von dem Federvieh herausgegeben worden. Irgendwann ist der Ideenvorrat erschöpft. Was dann? Vielleicht sagt sie, mache sie etwas mit Katzen, Schweinchen und anderen Tieren. Und was wird aus Rackerchen, Rehchen Rudi und Co? Werden sie abgeschafft? Renate Spekowius schüttelt heftig den Kopf. "Nee, es ist einfach zu schön mit den Hühnern. Der Garten ist so - ja - so beseelt.

Hildegard Dörre
Mit freundlicher Erlaubnis der Westfälischen Rundschau

Ausgezeichnet.org